Prozess-Audit-Checkliste für den Mittelstand.
Wer Prozesse digitalisieren will, braucht keine Beratungsfolie, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Diese Checkliste hilft dabei - anwendbar in einem halben Tag, ohne externe Begleitung. Am Ende haben Sie eine sortierte Liste mit Engpässen, einem Mengengerüst und drei Kandidaten für den ersten Automatisierungsschritt.
Vorbereitung - bevor Sie anfangen
Setzen Sie zwei Termine an: einen Workshop von 2 Stunden mit den Bereichsverantwortlichen und einen kurzen Abschluss-Termin von 30 Minuten. Drucken Sie die Checkliste aus oder öffnen Sie sie auf einem zweiten Bildschirm. Ein gemeinsam beschriebenes Whiteboard oder ein Miro-Board ersetzen die Checkliste nicht - sie strukturieren das Gespräch.
- Wen brauchen Sie im Workshop? Geschäftsführung, IT (falls vorhanden), je ein Vertreter aus den drei größten Funktionen.
- Halten Sie eine aktuelle Org-Übersicht bereit (max. 1 Seite, Funktionen statt Personen).
- Sammeln Sie für jede Funktion 1 – 2 Beispiel-Prozessketten als Ausgangspunkt.
- Klären Sie: Wer protokolliert. Wer entscheidet, wenn der Workshop kippt.
Ist-Aufnahme - was tatsächlich passiert
Beschreiben Sie für jeden Kernprozess in vier Spalten: Auslöser, Schritte, System, Ergebnis. Nicht das Soll, sondern das Ist. Wer Beschönigungen weglässt, gewinnt zwei Stunden - und am Ende ein ehrliches Bild.
- Welche Prozesse gibt es? (Vertrieb, Auftragsabwicklung, Einkauf, HR, Buchhaltung, Service.)
- Wer löst den Prozess aus? (Kunde, Mitarbeiter, Termin, externes Ereignis.)
- Welche Werkzeuge werden benutzt? (E-Mail, Excel, CRM, Spezial-Software, Zettel.)
- Wo werden die Daten am Ende gespeichert? (Welches System ist die Wahrheit.)
- An welchen Stellen bricht der Prozess heute regelmäßig?
Mengengerüst - wie oft, wie aufwendig
Ohne Zahlen ist jeder Prozess gleich teuer. Schätzungen reichen, aber sie müssen geschätzt sein - nicht erfunden. Eine 10-Minuten-Tätigkeit, die täglich anfällt, ist 40 Stunden pro Monat. Das ist das Bild, das Sie nach diesem Schritt haben.
- Wie oft passiert der Prozess? (Pro Tag, Woche, Monat.)
- Wie lange dauert ein Durchlauf - von Auslöser bis Abschluss?
- Wie viele Mitarbeitende sind je Durchlauf beteiligt?
- Wie oft kommt es zu Nacharbeit oder Rückfragen?
- Welcher Anteil des Prozesses ist heute reine Datenübertragung (Copy-Paste, Übertippen, Mail-Weiterleitung)?
Schwachstellen - wo verbrennt Zeit
Nutzen Sie eine einfache Vier-Felder-Bewertung pro Prozess: Daten verstreut, Doppelerfassung, unklare Übergaben, fehlende Sichtbarkeit. Wer mehr als zwei Felder anhakt, hat einen Kandidaten für den ersten Schritt.
- Liegen Daten in mehreren Systemen - und welches ist die Wahrheit?
- Werden dieselben Daten an mehreren Stellen erfasst?
- Gibt es Übergabe-Punkte, an denen regelmäßig Aufgaben liegen bleiben?
- Hat die Geschäftsführung jederzeit ohne Nachfrage Sichtbarkeit auf den Status?
- Wer fragt am häufigsten nach: Kunde, interne Stelle, Geschäftsleitung?
- Welche Mail-Threads kommen monatlich wieder, weil der Prozess nicht greift?
Tools im Bestand - das Portfolio prüfen
Bevor Sie ein neues Tool einführen, prüfen Sie das vorhandene. In den meisten KMU sind 3 – 5 Tools schon eingeführt, werden aber nur zu 30 % genutzt. Eine Tool-Bestandsliste mit Lizenzkosten und tatsächlichem Nutzungsgrad ist der schnellste Hebel.
- Welche Tools sind im Einsatz - mit Lizenzkosten pro Monat?
- Welche Funktionen werden genutzt, welche nicht?
- Welche Tools überschneiden sich (z. B. zwei CRM-Systeme parallel)?
- Welche Tools haben Schnittstellen zueinander, die ungenutzt sind?
- Was war der ursprüngliche Grund für die Einführung - und gilt er noch?
Soll-Bild - was wäre die nächste Stufe
Das Soll-Bild ist nicht „alles automatisiert", sondern eine Antwort auf die Frage: Welche zwei oder drei Schritte würden, wenn sie zuverlässig automatisch liefen, am meisten Zeit oder Fehler sparen? Mehr als drei sollten Sie aus diesem Workshop nicht mitnehmen.
- Welche Schritte könnten automatisch ausgelöst werden, statt von Hand angestoßen zu werden?
- Welche Daten könnten zwischen Systemen automatisch übertragen werden?
- Welche Status-Information könnte ein Dashboard zeigen, statt sie zu erfragen?
- Welche Entscheidung muss ein Mensch treffen - und welche reicht eine Regel?
- Welche drei Schritte würden, wenn sie laufen, den Prozess spürbar entlasten?
Risiken & Datenschutz mitdenken
Jede Prozessdigitalisierung verschiebt Daten zwischen Systemen. Damit wandert auch DSGVO-Verantwortung mit. Diese Punkte sind kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung dafür, dass das Ergebnis Bestand hat.
- Werden personenbezogene Daten verarbeitet - und in welcher Region liegen die Server?
- Liegt für jedes Drittsystem ein Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) vor?
- Werden KI-Funktionen genutzt? Falls ja: Klassifizierung nach EU-KI-VO offen.
- Wer ist im Unternehmen DSB (Datenschutzbeauftragter) oder Ansprechpartner?
- Welche Daten dürfen das Haus nicht verlassen?
Wenn der vorletzte Punkt mit „weiß ich nicht" beantwortet wird, empfehlen wir den EU-KI-VO-Leitfaden als nächsten Schritt.
Übergabe-Dokument - eine Seite reicht
Halten Sie das Ergebnis auf einer einzigen Seite fest. Mehr liest niemand mehr. Die Seite enthält: drei priorisierte Kandidaten, je geschätzte Einsparung, je geschätzten Aufwand, je Verantwortliche, je nächster Termin.
- Drei priorisierte Prozesse mit Begründung.
- Pro Prozess: aktuelle Stundenzahl pro Monat (Schätzung) → erwartete Stundenzahl nach Automatisierung.
- Pro Prozess: Aufwand für Umsetzung in Wochen.
- Pro Prozess: namentliche Verantwortliche im Haus.
- Termin für Entscheidung: Selber bauen, extern bauen lassen, vertagen.
Was diese Checkliste nicht ersetzt
Eine Checkliste ist kein Audit. Sie strukturiert ein Gespräch und erzeugt eine erste, ehrliche Bestandsaufnahme - mehr nicht. Für die Umsetzung braucht es danach handwerkliche Arbeit: Werkzeuge auswählen, Prozesse modellieren, Schnittstellen bauen, Dokumentation schreiben.
Wer die Umsetzung ausgelagert sehen will, findet bei Gewerk Prozesse digitalisieren eine festpreis- oder retainer-basierte Begleitung mit Make und n8n als Plattform-Stack.
Vom Wissen zur Umsetzung.
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